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Förderung von Kindern und Jugendlichen mit erhöhtem Förderbedarf nach dem Lehrplan für Grund- und Hauptschulen in Bayern

Seit dem Schuljahr 2004/05 wird im Förderzentrum Poing ab den Klassen 3 fast ausschließlich nach dem Lehrplan für Grund- und Hauptschulen unterrichtet. Der Lehrplan für individuelle Lernförderung findet nur noch in Ausnahmefällen und in den Klassen 7 bis 9 Anwendung . Die Kinder arbeiten seitdem deutlich motivierter mit, trauen sich mehr zu und erreichen bessere Leistungen. Die Eltern sind zufriedener mit den Leistungen ihrer Kinder und können sie besser einschätzen. Ganz neue Perspektiven werden eröffnet.

Wir Lehrerinnen gingen selbstverständlich davon aus, dass ein großer Teil dieser Kinder, die in der Presse  häufig als bildungsunfähig, bildungsunwillig oder schlicht als dumm bezeichnet  wurden, doch Potentiale hatten.  Diese galt es zu entdecken und gemäß dem individuellen Entwicklungsstand zu fördern. Auch gewachsene Klassengemeinschaften, in die in den ersten drei DFK-Jahren viel Arbeit gesteckt wurde, durften nicht zerrissen werden, da

  • sich Freundschaften entwickelt hatten,
  • gute SchülerInnen die schlechteren in den Schulleistungen mitzogen,
  • die Kinder bisher in der Schule so erzogen worden waren, dass sie Unterschiedlichkeiten respektierten und diese nicht zum Anlass nahmen, sich gegenseitig zu hänseln oder zu diskriminieren,
  • sie gelernt hatten, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen und
  • sich niemand wegen seiner Herkunft, Leistungen oder Fähigkeiten schämen musste.

Ziele

Oberstes Ziel war es, den SchülerInnen grundsätzlich den Stoff der entsprechenden Jahrgangsstufe des allgemeinen Grundschul- und Hauptschullehrplanes anzubieten, um damit eine optimale Förderung des einzelnen Kindes zu ermöglichen. Neben einer verstärkten inneren Differenzierung in jedem Fach wurde im Kollegium beschlossen, zunächst in Mathematik eine äussere Differenzierung in Form einer „Matheschiene“ zu bilden

Erfahrungsberichte der Klassen 3 u. 4

Im ersten Durchgang im Schuljahr 2004/05  wurden drei Gruppen als Mathematik-Schiene gebildet. Aus den beiliegenden Übersichten kann man erkennen, dass auf Grund der äusseren Differenzierung eine deutlich verstärkte Bewegung hin zum höheren Leistungsniveau zu erkennen ist.

Auch im zweiten Durchgang (Schuljahr 05/06) wurde wieder die Zusammensetzung der DFK- Klassen übernommen. Nach den Herbstferien konnten dann zwei Mathematik - Schienen in den 3. Klassen gebildet werden. Da die Personalsituation es nicht zuliess, war es leider nicht möglich drei Gruppen zu bilden.

Fortsetzung des Projekts in der Hauptschulstufe im Schuljahr 2006/07

Aufgrund der positiven Erfahrungen, die im Verlauf der zwei Schuljahre beobachtet werden konnten, wurde im Kollegium beschlossen, das Projekt in der 5. Jahrgangsstufe weiterzuführen und sogar um das Fach Englisch zu erweitern. Eine interessante Frage ergab sich dabei, ob sich die in den Klassen 3 und 4 herausgestellte Leistungsbereitschaft und das Lerninteresse auch bei Jugendlichen fortsetzen würde.

Inzwischen waren die Kinder des 1. Durchgangs (3 Gruppen in Mathematik) vom Schuljahr 2004/05 in die 5. Klasse gekommen. Auch in dieser Jahrgangsstufe konnte weiter mit drei Parallelklassen gearbeitet werden. Dies stellte sich als grosser Vorteil heraus, denn es liessen sich sowohl in Mathematik als auch in Englisch drei Leistungsgruppen aufstellen.

Es zeigte sich, dass nicht immer die gleichen SchülerInnen in den schwächsten Gruppen in Englisch und Mathematik vertreten waren. Das Gegenteil war eher der Fall. Beispielsweise arbeitete ein Schüler zwar in der schwächsten Englischgruppe, aber in der besten Mathegruppe. Die SchülerInnen wurden also nicht grundsätzlich als „schwach“ oder „stark“ eingestuft.

Ein besonders auffallender positiver Effekt dieser äußeren Differenzierung in drei Leistungsgruppen war zudem, dass alle drei Klassen automatisch durch die Englisch- und Matheschienen stark gemischt wurden. Das bedeutete, dass sich alle SchülerInnen auch ausserhalb ihres Klassenrahmens untereinander gut kannten. Sie spielten auch in den Pausen in deutlich gemischteren Gruppen, als dies früher der Fall war.

Auch die Lehrkräfte lernten durch diese Durchmischung die SchülerInnen der anderen beiden Parallelklassen gut kennen. Sie konnten sich über die SchülerInnen deshalb wesentlich differenzierter austauschen. Wichtig waren genaue Absprachen. Wir einigten uns im Vorfeld immer gemeinsam über die Maßnahmen, die wir ergreifen wollten, z. B. bei nicht gemachten Hausaufgaben.

Was hat sich für die Schülerinnen und Schüler verändert

Zu Beginn des Schuljahres 2004 war deutlich spürbar, dass die Kinder sich freuten, weiter in ihren alten Klassen zusammen zu sein. Sie lernten schnell auf Grund verstärkt eingesetzter Gruppen- oder Partnerarbeit mit den verschiedenen Stärken und Schwächen ihrer Klassenkameraden auszukommen bzw. diese zu akzeptieren. Durch den verstärkten Einsatz von Freiarbeit wurde es dem Einzelnen möglich, seinen Lernzuwachs im eigenen Tempo voranzutreiben und sich je nach Schwierigkeitsgrad der Aufgabenstellung oder je nach eigener Tagesform die nötige Zuwendung von der Lehrerin zu holen. Manchmal konnte auch ein Mitschüler helfen, der die gleiche Aufgabenstellung bereits bearbeitet hatte oder gerade damit beschäftigt war.

Die Schiene in Mathematik bot für die Kinder die Chance, Ängste abzubauen und den Lernzuwachs entsprechend dem eigenen Lerntempo zu steigern. Sie sammelten Erfolgserlebnisse! Und sichtbar durch den Wechsel in die leistungsstärkere Gruppe und umgekehrt erlebten sie, dass sie den immer schwierigeren Aufgabenstellungen voll gewachsen waren und kleine aber stetige Lernfortschritte verzeichnen konnten. Lernen und etwas zu leisten machte auch denen, die langsamer lernen, wieder Spass.

Gleiche Beobachtungen konnten im Schuljahr 2006/07 in der 5. Jahrgangsstufe auch in Englisch gemacht werden. Hier entwickelten die Kinder zum Teil regelrechten Feuereifer, ihre Leistungen so schnell wie möglich zu steigern, um in die nächste Leistungsgruppe zu kommen. 

Was hat sich für die Eltern verändert

Anhand der Reaktionen und der nachvollziehbaren Entwicklungsschritte der Kinder verloren die Eltern der eher stärkeren Kinder ihre Bedenken gegenüber den Lernschienen. Die Eltern der eher schwächeren Kinder begrüssten das Projekt von Anfang an, da es Chancen bot, die die Kinder vorher nicht gehabt hätten.

Was hat sich für die Lehrerinnen und Lehrer verändert

Nach anfänglichen Schwierigkeiten, Überlegungen und Diskussionen der am Projekt beteiligten Lehrerinnen empfanden es alle als wohltuend, mit deutlich weniger Verhaltensstörungen, Aggressionen und Frustrationen der Kinder umgehen zu müssen. Es wurde friedlicher im Unterricht. Die Kinder konzentrierten sich mehr auf das Lernen als aufs Stören.

Die Teamarbeit der Lehrkräfte wurde verstärkt und brachte Fortschritte für die Weiterentwicklung des Konzeptes mit sich. Die Lehrerinnen verstanden sich als „Entwicklungshelferinnen“ im wahrsten Sinne des Wortes. Sie „begleiteten“ die Kinder und mussten sie nicht mehr in unverrückbare Kategorien (ILF) pressen. Sie hatten mehr Zeit, auf diejenigen Kinder einzugehen, denen auf Grund erschwerter Lebensbedingungen in ihrem soziokulturellen Kontext die für eine positive Persönlichkeitsentwicklung bedeutsamen emotionalen Impulse und kreativen Anregungen fehlen.

Die Herangehensweise an die Arbeit änderte sich und wurde zufriedenstellender. Die Stärken der Kinder standen im Blickfeld, nicht ihre Schwächen. Intensive Planung im Team gehörte zur Arbeit und wurde zur notwendigen Basis für das Gelingen des Konzeptes.

Ein anhaltender Motivationsanstieg konnte beobachtet werden. Das Arbeitsverhalten verbesserte sich wesentlich. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen konnte bei den Klassen in allen Fächern das Niveau der Anforderungen Regelschule gehalten werden. In Englisch und Mathe soll das Regelschulniveau am Ende der 6. Klasse erreicht werden.

Für die Schüler, die dieses Ziel nicht erreichen, ist nach wie vor eine Förderung in der Förderstufe 4 möglich.


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